Revierbericht 2082: Content top, Form flop

Revierbericht 2082 - Shadowrun
Limitierter Regionalband zum Rhein-Ruhr-Plex

Der "Revierbericht 2082" bietet eine Darstellung der Region zwischen Duisburg und Dortmund bzw. Düsseldorf und Bonn im aktuellen Shadowrun-Setting. Lohnt sich der Band?

Motivation

Das Buch soll bei mir in erster Linie zum gelegentlichen Blättern und Anlesen dienen, wenn ich gerade ein paar Minuten Leerlauf habe. Ich habe Shadowrun in der Vergangenheit gespielt, aber aktuell bestehen da wenig Chancen. Tatsächlich bin ich vor Jahrzehnten wegen der Romane und "Deutschland in den Schatten" zu Shadowrun gekommen und auf dieser nostalgischen Note hat mich auch der "Revierbericht 2082" angesprochen. Ich bin unter anderem in Dortmund und im Kreis Unna aufgewachsen. Kürzlich war ich nach langer Abwesenheit mal wieder in der Region und der spezielle - nicht Charme - Charakter hat den Kauf dieses Buches motiviert. Mich reizt an dem Band also in erster Linie der Fluff. Etwaiger Regelcrunch, wie neue Ausrüstung, juckt mich herzlich wenig. Ich will meine Vergangenheit und eine Zukunft des Ruhrgebiets genießen. Phantasieren, welche Geschichten und Abenteuer sich dort erleben ließen, aber eben nicht in mit dem Blick auf Regelmechanismen.

Der Pott ist eigen: "Romanes eunt domus"-Graffiti am Dortmunder Hellweg, fotografiert 2021

Ersteindruck

Das Coverbild ist furchtbar. Die Elfe, die mit Gasmaske, AR/VR-Brille und Irokese das Bild dominiert, schaut nichtssagend am Leser vorbei. Die Kleidung ist ein unförmiges grünes Cape-Etwas. Man muss sich anstrengen, um irgendwelche Bezüge zum Thema des Buches zu finden und endet bei einer Saeder-Krupp-Werbung, die nun wirklich überall in Deutschland plakatiert sein könnte, und einem Kiosk namens "Jupps Trinkhalle". Das Bild schreit jetzt nicht wirklich Ruhrgebiet. Es ist ein generisches Shadowrun-Motiv - noch dazu ein langweiliges. Da wären zahlreiche Wahrzeichen der Region in veränderter Form ansprechender gewesen. Oder auch eine Frontfigur, die irgendetwas anderes als Langeweile aussagt. Drucktechnisch wurde das Bild auf dem Cover auch verhunzt. Im Innentitel hat das Bild deutlich mehr Kontrast.

Die Rückseite hat einen lackierten und hervorgehobenen Schriftzug, den ich so nicht gebraucht hätte. Im oberen Drittel der Seite hätte das nicht gestört, so liegt die Rückseite beim Lesen unangenehm in der Hand. Die Metallecken dieser limitierten Ausgabe kann man mögen. Mir sind sie egal. Aber wenn man sich schon die Mühe macht mit diesen Extras einen hochwertigen Eindruck erwecken zu wollen, dann nummeriert doch bitte die limitierten Exemplare nicht handschriftlich. Die Gesamtmenge ist sowieso in allen Exemplaren gleich - statt sie 2250 mal von Hand zu beschriften hätte man das gleich drucken können. Und die jeweilige Exemplarsnummer bitte stempeln!

Innentitel, handschriftlich nummeriert

Richtig, richtig schlecht ist allerdings das Format des Posters, das hinten im Buch mit einer Plastikecke gehalten wird. Gefaltet ist das Poster exakt so breit wie die Seite, auf die es eingelegt wird. Dadurch ist das Poster bereits mit zusätzlichen, ungewollten Knickstellen angekommen, weil sich nun mal ein mehrfach gefaltetes Poster nicht auf eine genauso breite Seite zuklappen lässt. Insbesondere wenn es dann noch einfoliert wird. Zudem habe ich mir die Karte schon eingerissen, als ich mit dem Daumen den Buchblock durchlaufen lassen wollte, um schnell eine Seite zu finden. Da hätte der Produktverantwortliche und/oder der Grafiker darauf bestehen müssen, dem Poster ein Format zu geben, das sich auf ein paar Millimeter schmaler als das Buch falten lässt. Anfängerwissen Verlagsherstellung.

Das Innenlayout ist aufgeräumter als ich es von Shadowrun gewohnt bin, weil es kaum Kästen gibt, die den Fließtext ergänzen. Da ich kein großer Freund von Kästen bin, deren Inhalt in den Fließtext gehört hätte, freut mich das. Es gibt ein paar Kleinigkeiten, die ich im Layout anders gemacht hätte, doch es strukturiert den Text sinnvoll. Der Rollenspiel-Unsitte, dass alle Seiten mit einer Textur hinterlegt sein müssen, wurde zwar nachgekommen, aber so dezent, dass der Text sich auch bei schlechten Lichtverhältnissen noch lesen lässt. Vielen Dank dafür.

Bilder sind für meinen Geschmack ausreichend vorhanden. Andere Leser könnten mehr haben wollen. Die Auswahl ist ganz gelungen. Einige haben durchaus Rhein-Ruhr-Bezug (nicht nur die fiktive Werbung), andere sind sogar hübsch, manche bebildern eine Person aus dem Text. Einen Ausschnitt des Titelbilds hätte ich jetzt nicht noch einmal auf Seite 133 gebraucht. Insgesamt funktioniert die Auswahl, obwohl sie keine durchgängige Stimmung oder ein Bedürfnis aufbaut, sich in diese Welt stürzen zu wollen auf. Die Bebilderung ist mehr Schmuck oder Auflockerung des Textes als ein Mittel das Thema zu transportieren.

 

Leseprobe

Noch habe ich nur einzelne Passagen des Buches gelesen: zuerst das Kapitel über Dortmund und Unna, dann noch ein wenig Wuppertal und Teile der Einführung. Obwohl die Stadtkapitel nicht kurz sind, können sie auf wenigen Seiten kein umfassendes Bild von Großstäten geben. Das wäre zu viel verlangt. Sie geben aber einen guten Ersteindruck, insbesondere wenn man die reale Stadt noch nicht kennt. Wer schon reale Kenntnisse des Gebiets hat, mag das ein oder andere Charakteristikum vermissen, aber die Auswahl ist solide und gibt Anreize zum Spiel in der Region. Beinahe jeder Absatz bietet Hintergründe von Konfliktparteien zwischen die Spielercharaktere freiwillig oder unfreiwillig in Abenteuer geraten können. Häufig hätte ich mir noch mehr Details gewünscht, aber dann wäre aus dem einen Revierbericht schnell eine Sammlung von Stadtberichten geworden.

Doppelseite aus dem Abschnitt über Dortmund

Die Einführung in die Region ist mir aus den selben Gründen dann auch etwas zu grobgeschnitzt. Als Leser muss man ja nicht nur den Ist-Zustand des Rhein-Ruhr-Plexes, sondern auch dessen Vergangenheit im Shadowrun-Universum verstehen. Und das beinhaltet nun einmal nicht nur die Zukunft ab heute, sondern auch die inzwischen alternative Vergangenheit von den Neunzigern bis heute, die nun einmal überhaupt nichts mit der realen Vergangenheit der letzten dreißig Jahre zu tun hat. Für langjährige SR-Spieler ist das alles bekannt und mit ein paar Bemerkungen ausreichend umrissen. Bei Wieder- oder Neueinsteigern wird da vom Text häufiger Unverständnis erzeugt. Man kann das meist achselzuckend ignorieren, ohne dass es für das weitere Textverständnis wichtig ist - aber dann hätte man diese Passage im Rückblick auch gleich weglassen können. Vom "historischen" Abriss habe ich mir daher mehr erwartet. Als reiner Deko-Steinbruch um Charaktere oder Situationen aufzupimpen reicht es. Für einen Kampagnenhintergrund, Verschwörungen oder um andere langjährige Aktivitäten am Spieltisch erklären zu können, ist es zu wenig.

Kartenmaterial

Das beigelegte Poster hat etwa A1-Format. Die eine Seite zeigt in der oberen Hälfte eine Übersicht des RRP inklusive Köln und Bonn, in der unteren Hälfte wird die exterritoriale Enklave Neu-Essen gezeigt. Seltsam ist, dass z.B. das Seelieviertel in Dortmund auf der Karte markiert ist, aber keine eigene Darstellung im Kapitel über Dortmund-Unna bekommen hat. Diese Markierungen sind aber beinahe der einzige Existenzzweck für die Karte. Schließlich kann ich auch aktuelles Kartenmaterial nutzen, um rauszufinden in welche Himmelsrichtung man fahren muss, um von Bochum nach Wuppertal zu kommen. Zumal scheinbar in der Shadowrun-Realität keine neuen Autobahnen gebaut wurden. Gerade im RRP hätte ich mir von der Übersicht auch ein Netz der wichtigsten ÖPNV-Verbindungen gewünscht. Es gibt schon heute einige Achsen, auf denen man schneller zwei oder auch drei Städte quer durchs Ruhrgebiet kommt, als von einem Stadtrandgebiet ins benachbarte Örtchen. Auf mich wirken die Karten eher uninspiriert. Als hätte jemand einen aktuellen Atlas gezückt, abgemalt und ein paar Sehenswürdigkeiten markiert. Das ist nett, aber nicht gut.

Die Rückseite des Posters zeigt Detailkarten von Recklingshausen Hauerbrache und Bochum Innenstadt. Die Karten sind farblich anders, funktional aber genauso eingeschränkt nützlich wie die Vorgänger. Das in Ebenen überbaute Wuppertal war offensichtlich zu komplex, um überhaupt eine Karte zu versuchen. Düsseldorf oder Köln nicht sexy genug? Als Spielleiter hätte ich mir Karten mit abwechslungsreicherem Gelände gewünscht. Industriegebiete, Häfen, Logistikparks ...

Zusammenfassung

Von der Ausstattung und den Extras bin ich nicht begeistert. Es reicht nicht, welche zu haben, sie müssen auch was taugen. Den Textteil des Buches halte ich - soweit ich ihn gelesen habe - für gelungen. Die Beschreibung der Situation im Jahr 2082 ist stimmungsvoll und gibt interessante Impulse fürs Spiel. 

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