Ohne Vertrauen ... ist es nur gruselig

Vertrauen ist die Basis menschlicher Beziehungen. Ohne Vertrauen zerbrechen Partnerschaften und Arbeitsverhältnisse. Mit Vertrauen gewinnt man Freunde und Gerichtsprozesse.

Fürs Rollenspiel wird gern stillschweigend vorausgesetzt, dass man sich vertraut. Nicht nur für Spielrunden auf Conventions trifft das nicht zu. Auch im Freundeskreis gibt es feine Abstufungen. Noch schlimmer sind berufliche oder pädagogische Rollenspiele, in denen nicht einmal der gemeinsame Spaß an der Sache die Teilnehmer zusammen hält. Dann wird Rollenspiel schnell zur Quälerei.

Mangelndes Vertrauen verursacht Unsicherheit und darauf folgt gern Anspannung in verschiedensten Formen von Abwehrreaktionen. Die Gründe kreisen daher alle auch um das Gefühl der Sicherheit. Wir sind misstrauisch, wenn wir Mitspieler oder Spielleiter nicht kennen. Wenn wir sie kennen, aber erlebt haben, dass einer oder mehrere nicht vertrauenswürdig sind. Wenn die Rahmenbedingungen uns verunsichern, z.B. weil wir Regeln des Spiels oder des Miteinanders nicht kennen, weil die Örtlichkeit nicht vertrauenserweckend ist, weil die Dauer oder die Anforderungen des Spiels nicht absehbar sind.

Besonders unzuverlässig wirkt ein schlecht oder nicht vorbereiteter Spielleiter, während ein unvorbereiteter Mitspieler nicht so stark ins Gewicht fällt. Jede Gruppe sucht nach Führung und die Führungsrolle fällt zunächst dem Spielleiter zu. Er ordnet das Spiel und damit potenziell auch das soziale Miteinander. Erfüllt ein Spielleiter nur die erste Hälfte seiner Aufgabe, ist die Spielgruppe instabil, bis jemand die soziale Führung übernimmt. Und was instabil ist, wirkt nicht vertrauenswürdig. Im ungünstigsten Fall blickt also ein Haufen wildfremder Spieler hoffnungsvoll auf den Spielleiter und erwartet, dass wie von Zauberhand eine angenehme, lockere Runde entsteht.

Wie erzeugt man Vertrauen?

Vertrauen lässt sich nicht verordnen. Es lässt sich nur entwickeln. Der Spielleiter - oder ein Mitspieler, der die Gruppe führt - kann die Grundlagen schaffen, auf denen es entstehen kann. Wer die Gruppe führt, kann die Gruppe ordnen und wer ordnet, schafft Sicherheit. Der Spielleiter kann einen Raum schaffen, der den Mitspielern erlaubt sich zu entspannen und zu öffnen. Jeder gibt einen kleinen Vertrauensvorschuss, wenn er sicher sein kann, kein Risiko einzugehen.

Der Spielleiter muss diese Sicherheit vermitteln. Oft passiert das stillschweigend, weil wir unseren Spielleiter kennen, weil sein Auftreten Zuverlässigkeit vermittelt. Je mehr fremde Mitspieler teilnehmen oder je heikler das Konzept des Spiels ist, desto wichtiger ist aber aktive Rückversicherung durch den Spielleiter. Wenn er vor Beginn des Spiels offen ausspricht, welche Grundregeln des Miteinanders gelten sollen, gibt er den Mitspielern Gelegenheit, sich auf diese Regeln zu verständigen. Das reicht vom Zeitrahmen bis zur Frage, wann und wie Regelfragen diskutiert werden.

Für stark konfliktträchtige oder andere sehr emotionale Spiele kann man sich durchaus bei erfahrenen SMlern inspirieren lassen und ein Not-Aus vereinbaren. Mit dem Not-Aus kann jeder das Spiel sofort unterbrechen, wenn er das für nötig hält. Das Signal sollte deutlich und nicht verwechselbar sein. Bei Tisch-Rollenspielen dürfte ein Aufstehen vom Tisch mit einem begleitenden "Stop!" eindeutig sein. Eine Pause zur Beruhigung und eine anschließende Klärung gehören dazu.

Wenn die Basis des Miteinanders klar ist, gilt jeder als vertrauenswürdig, bis er das Gegenteil beweist.

Vertrauen entsteht nur durch Erfahrung. Wir müssen erleben, dass jemand vertrauenswürdig ist. Der Umkehrschluss ist: sei zuverlässig und konsequent. Eine Weile wird man sich vorsichtig beobachten und beschnuppern. Diese Phase ist wichtig, und obwohl sich wenig entwickelt, sollte sie nicht zu schnell übersprungen werden. Der Spielleiter sollte vergleichsweise harmlose Spielthemen anbieten, wie Charaktere vorstellen, einen Auftrag erhalten, das Basislager erkunden.

Wenn das Grundgefüge ausreichend gefestigt ist, wird der investierte Vertrauensvorschuss auf die Probe gestellt werden. Jede Beziehung, die noch keinen Konflikt überstanden hat, wird nicht als belastbar empfunden. Wir wollen nicht nur glauben, dass wir jemandem vertrauen können - wir wollen es wissen.

Außerdem sind Konflikte auch ein Mittel, um das Spielerlebnis intensiver zu gestalten. Es wird auf Dauer kein Rollenspiel ohne Konflikt geben. Mal liegt der Konflikt in der Spielwelt, manchmal auch zwischen den Spielern.
Der Spielleiter darf Konflikte anbieten und schauen, ob die Gruppe reagiert. Einen existierenden Konflikt, ob in der Spielwelt oder real, darf der Spielleiter niemals unterbinden. Wenn er ihn unterdrückt, abwiegelt, unter den Teppich kehrt, wird der Konflikt in der Gruppe weiterschwelen. Das allein erschüttert schon das vorhandene Vertrauen. Zudem wirkt die Führung der Gruppe unzuverlässig, wenn eine Konfliktbewältigung behindert hat. Ordnung und Sicherheit entsteht erst aus einer Lösung des Konflikts.

Allerdings ist es nicht Aufgabe des Spielleiters, Konflikte zu lösen. Er soll den Rahmen geben, indem die Gruppe ihren Konflikt selbst löst. Dazu hütet er die Konsistenz der Spielwelt und den vernünftigen Umgang miteinander. Der Spielleiter bietet spielintern schlüssige Konsequenzen, am Spieltisch bietet er Grenzen, sorgt für Fairness. Dazu muss er eventuell einem gestressten Spieler zur Seite stehen und ihm Gelegenheit verschaffen, sich zu beruhigen oder seine Position formulieren zu dürfen.

In keinem Fall darf der Spielleiter bei Konflikten zwischen Spielern als Richter auftreten. Entscheidet er, welche Partei Recht hat, schwächt er die Gruppe. Erst wenn die Gruppe gemeinsam mit fairen Mitteln den Konflikt löst, kann Vertrauen entstehen. Ohne Konfliktbewältigung kein Vertrauen.

Anschließend ist es nötig, wieder Sicherheit zu geben. Der Spielleiter schafft Klarheit über die Situation. Grundregeln des Miteinanders oder des Spiel werden bestätigt oder abgeändert. Jeder muss Gelegenheit bekommen, sich wieder zu öffnen, den neuen Zustand auszuprobieren und zu erfahren. Das Vertrauen in die Mitspieler und den Spielleiter ist dann höher als zuvor. Die Beziehung ist belastbarer und die Bereitschaft steigt, beim nächsten Mal mehr auszuprobieren als beim letzten Mal.

Vertrauen lässt sich nicht verordnen. Es lässt sich nur entwickeln. Dazu durchläuft man immer wieder die selben Schritte:

  • Öffnen
  • Ausprobieren und Erfahren
  • Konflikt entwickeln
  • Konflikt bewältigen
  • Wieder öffnen …

 

Ursprünglich veröffentlicht am 26. August 2012

Bildnachweis: Christian Collins - Einzelne Rechte vorbehalten

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